„Alles begann damit, dass ich geblendet und fast zeitgleich von meiner Mutter weggeschleudert wurde. Mit mir fielen meine Freunde und deren Mütter aus ihrem Schlaf nach unten und purzelten über einen Dachvorsprung. Dort blieben manche von uns fast wie gelähmt liegen. Nur ein paar Muttertiere wachten schnell genug auf um sich in taumelndem Flug zu retten.“
Was war passiert?
Es geschah während diesen heißen Tagen im Juli 25, als mein Mann – trotz dem Wissen, dass in unserem Weiler Fledermäuse wohnten – unbedacht beschloss, die alten Fensterläden nicht mehr nur als Dekoration sondern ihrem Zweck entsprechend zu nutzen und der Sonne Einhalt zu gebieten.
So öffnete er das Fenster, lehnte sich hinaus und schwang den ersten Fensterladen zu. Nur um ihn gleich darauf wieder zu öffnen und sich, laut nach mir rufend, einen Pappkarton, eine Leiter und Handschuhe zu besorgen.
„Da sind Fledermaus-Babys auf’s Vordach gefallen!“
Schnell kletterte er hinauf und fasste behutsam nach den Babys und übrigen Müttern und steckte sie in den Karton während er versuchte heraus zu finden, ob welche verletzt waren.
Es handelte sich um 15 große und kleine Zwergfledermäuse.
Die Zwergfledermaus ist die zweitkleinste aller 25 Fledermaus-Arten in Deutschland. Sie ist kleiner als eine Streichholzschachtel.
Einmal im Karton war die Frage, was tun? Wir argumentierten hin und her, einen Experten anrufen?……geht nicht, es war Sonntag morgen um acht.
In der Schachtel lassen?…..verhindert vielleicht, dass die Gruppe wieder zusammenfindet.
Also gingen wir mit dem Karton in das luftige Stallgebäude hinüber, um die Fledermäuse an einem dunkleren Ort frei zu lassen, in der Hoffnung, dass alle Mütter und Babys wieder zueinander finden würden, denn es war klar, wir hatten leider eine sogenannte „Wochenstube“ vorzeitig aufgelöst.
In der Wochenstube finden sich die trächtigen Weibchen zusammen, gebären und ziehen jeweils 1 Jungtier pro Jahr auf. Um sich gut um die Babys kümmern zu können und diese ausreichend zu säugen, verfallen die Mütter nicht wie die Männchen in eine Tages-Lethargie, sondern bleiben wach. Sind die Jungtiere 3-4 Wochen alt, sind diese bereits flugfähig.
Ungefähr so alt waren unsere Zwergfledermausbabys.
Das haben wir natürlich nicht sogleich gewusst! Erst nachdem beim ersten Auswilderungs- und Wiederfinde-Versuch im Stall dennoch einige Jungtiere auch nach einer Stunde nicht abgeholt worden waren, und wir uns nun doch ans Telefon wagten. um unseren Bekannten und Fledermaus-Experten, Ingo, zum weiteren Vorgehen zu befragen.
Ingo betreibt eine Fledermaus-Aufzuchtstation und ist Fledermaus-Experte im NABU Wangen.
Er riet uns, die übrigen Jungtiere in eine offene Kiste auf eine Wärmflasche, nahe der Wochenstube abzulegen und noch bis spät nachts zu warten, ob diese vielleicht doch noch von ihren Müttern abgeholt werden würden.

Bange Stunden später waren immer noch mehrere Jungtiere ohne Nahrung und Muttertier. Dann, so der Plan, fuhr mein Mann um 12 Uhr Nachts mit den verbliebenen Babys in die Aufzuchtstation.
Dort wurden sie genau untersucht und gewogen: Gerade mal 2 g wogen die Minis im Durchschnitt und waren so groß, wie ein Daumennagel.
Ab dem Zeitpunkt lag die Verantwortung für die Kleinen in Ingos Hand. Er fütterte sie ca. 2-stündlich mit verdünnter Welpenmilch tropfenweise aus einer Pipette, ergänzte dies mit halbierten herausgedrückten Mehlwürmern von der Pinzette und gewöhnte die Winzlinge ans Fliegen in einem Wohnraum.
3 Wochen später war der große Tag – oder besser Abend! Die Zwergfledermausbabys waren gut gewachsen, hatten nun das doppelte an Gewicht zugelegt und waren entwöhnt von der Milchgabe.
Es wurde Zeit zum Auswildern.
In zwei verschiedenen Kisten brachte Ingo unsere Zwergfledermäuse und noch ein paar weitere, welche ebenfalls in der Aufzuchtstation aufgepäppelt wurden mit. Dazu kam noch eine Langohr-Fledermaus. Letztere hat ihren Namen durch die zusammenfaltbaren Ohren, welche fast so lang sind wie ihr Körper.
Das braune Langohr, kann aufgrund seiner Ohren, welche wie Bremsfallschirme wirken und wegen seiner kurzen breiten Flügel nicht besonders schnell fliegen, ABER es ist dennoch ein Flugkünstler und schafft es, ähnlich wie ein Turmfalke rüttelnd, in der Luft stehen zu bleiben und sogar rückwärts zu fliegen, um Raupen, kleine Käfer oder andere Insekten von den Blättern der Bäume und Büsche abzusammeln. Hat es dann einen Nachtfalter oder Ähnliches erjagt, fliegt es zu seinem Hangplatz und frisst ihn dort genüsslich. Dabei fallen die Schmetterlingsflügel zu Boden und sind zusammen mit dem Fledermauskot ein Indiz für die Anwesenheit eines Langohrs; gerade so wie bei uns im Dachspitz gefunden.
Alle Bewohner unseres Hauses fanden sich an diesem Abend um die zwei Kisten gebeugt, neugierig und gleichzeitig scheu, aus Sorge, die kleinen Tiere versehentlich zu zerdrücken.
Nach und nach pflückte Ingo eine Fledermaus nach der anderen aus der Kiste, hielt sie sorgsam in einer Hand und ließ sie fliegen, sobald in der Dämmerung die ersten in Reute heimischen Fledermäuse im Nachthimmel über unsere Köpfe sausten. Jeder durfte eine Fledermaus fliegen lassen. Bei einigen sah man, dass es noch an Schnelligkeit und Wendigkeit fehlte. Zuletzt kam das Langohr dran, welches einige Zeit brauchte, bis es seine Ohren zu voller Größe entfaltet hatte; dann „schaukelte“ auch es nach einigen Runden davon.
Die Hoffnung bleibt, dass durch die Auswilderung der nun fast erwachsenen Jungtiere, allesamt weiblich, die in Reute vorhandene Fledermaus-Population wieder gestärkt wird; denn die zukünftigen Mütter kehren im nächsten Jahr oft zu den ihnen bekannten Wochenstuben zurück.
Natürlich hoffen wir ebenfalls, dass der unbeabsichtigte Eingriff in den Lebenskreislauf der Fledermäuse in Reute wieder gut gemacht werden konnte, denn die Lebensräume der Fledermäuse in Deutschland verringern sich von Jahr zu Jahr durch Verlust strukturreicher naturnaher Wälder, Gewässer und Wiesen, Insektensterben, ritzenloses Bauen und Renovieren von Gebäuden, Umweltgifte und nicht zuletzt Windkraftanlagen. All dies stellt eine Gefährdung für das Überleben dieser interessanten Tiere dar.

Schau dir „Fütterung in der Fledermaus-Notpflegestation“ auf YouTube an:
Schau dir „Fledermäuse beim Flugtest“ auf YouTube an:
Für weitere Fragen:
